Aufschieben oder feststecken?
- 11. Juni 2025
- 3 Min. Lesezeit
Warum Prokrastination mehr ist als schlechte Planung – und was Coaching (nicht) leisten kann
Prokrastination im Coaching: Aufschieben verstehen, nicht bewerten
„Ich weiß genau, was ich tun müsste – aber ich kriege es einfach nicht hin.“ Diesen Satz höre ich im Coaching, aber auch in meiner Führungsarbeit immer wieder. Er kommt meist nicht leicht über die Lippen. Oft ist er begleitet von Scham, Ärger über sich selbst oder der Hoffnung, dass ich vielleicht die eine Methode kenne, mit der es endlich „klappt“.
Was dahinter liegt, ist oft ein Thema, das viele betrifft, aber selten wirklich verstanden wird: Prokrastination – das wiederholte Aufschieben von Aufgaben, auch wenn sie wichtig oder dringend sind.
Dieser Artikel beleuchtet, was Aufschieben wirklich bedeuten kann, wo Coaching sinnvoll unterstützen kann, und wo auch die Grenze liegt – etwa bei depressiven Zuständen oder ADHS.
Was ist Prokrastination – und was nicht?
Der Begriff kommt vom Lateinischen „procrastinare“ – „auf morgen verschieben“. Doch Prokrastination ist nicht gleich: „Ich war faul.“ Es ist meist ein innerer Konflikt.
Typische Merkmale:
Dinge werden systematisch vermieden – trotz Konsequenzen.
Aufschieben führt zu innerem Stress, oft gepaart mit Selbstabwertung.
Die Person weiß rational, was zu tun wäre – kommt aber nicht in die Handlung.
Es ist also kein reines Zeitmanagementproblem. Sondern oft ein emotionales oder systemisches Spannungsfeld, das sich in Verhalten übersetzt.
Mögliche Ursachen – systemisch betrachtet
In der Coachingpraxis lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Hinter dem Verhalten des Aufschiebens können sich verschiedene Dynamiken verbergen:
Innere Antreiber: z. B. „Ich muss es perfekt machen“ – also lieber gar nicht anfangen.
Ambivalenz: zwischen „Ich will“ und „Ich darf nicht“ (oft unbewusst).
Verdeckter Protest: z. B. gegen übermäßige Erwartungen im System (Team, Familie, Führung).
Fehlende Resonanz: keine emotionale Verbindung zur Aufgabe oder ihrem Sinn.
Erlernte Hilflosigkeit: Wer früh erfahren hat, dass Leistung nie ausreicht, schützt sich durch Rückzug.
Diese Ursachen sind nicht pathologisch, aber sie können tief greifen. Coaching kann hier Reflexionsraum bieten – und neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Ein Klient schilderte, dass er immer wieder Bewerbungen „vergisst“. Er wollte sich beruflich neu orientieren, wusste genau was er wollte – aber schickte keine Unterlagen raus.
Im Coaching wurde deutlich: Hinter dem Aufschieben steckte kein Desinteresse, sondern ein innerer Satz:
„Wenn ich mich nicht bewerbe, werde ich auch nicht abgelehnt.“
Sein Verhalten war Schutz. Vor Enttäuschung. Vor Wertlosigkeit. Vor dem Gefühl, nicht gut genug zu sein. Erst als wir diesen inneren Anteil würdigten – nicht nur wegerklären wollten – entstand Bewegung. Kein schneller Plan, sondern eine neue Haltung:
„Ich kann den Wunsch ernst nehmen. Und mich trotzdem zeigen.“
Wann Coaching nicht (mehr) der richtige Rahmen ist
So unterstützend Coaching auch sein kann, mir ist die Abgrenzung zu psychischen Erkrankungen wichtig. Prokrastination kann auch ein Symptom sein, z. B. bei:
Depressionen: Aufschieben entsteht hier nicht aus Widerstand, sondern aus Antriebslosigkeit, Leere oder Überforderung.
ADHS: Schwierigkeiten in der Selbststeuerung können zu massiver Prokrastination führen – trotz hoher Motivation.
Angststörungen: Starke Angst vor Bewertung oder Versagen kann blockieren.
In solchen Fällen ist Coaching nicht geeignet – oder nur als ergänzende Ressource. Entscheidend ist, dies achtsam, offen und ohne Stigmatisierung anzusprechen.
Was Coaching leisten kann
Coaching kann nicht „heilen“. Aber es kann helfen:
Muster zu erkennen, statt nur Symptome zu bekämpfen.
Selbstmitgefühl zu stärken, statt den inneren Druck zu erhöhen.
neue innere Erlaubnisse zu formulieren: „Ich darf klein anfangen.“, „Ich darf scheitern – und lernen.“
Handlungsräume zu schaffen: „Was wäre ein erster kleiner Schritt?“
Wichtig ist dabei nicht, den perfekten Plan zu liefern – sondern die Beziehung zur Aufgabe (und zu sich selbst) zu verändern.
Quellen & Impulse
Sirois, F. M. (2016): Procrastination, Health, and Well-Being. Academic Press.
Steel, P. (2007): The Nature of Procrastination: A Meta-Analytic and Theoretical Review. In: Psychological Bulletin.
Burka, J. B., & Yuen, L. M. (2008): Procrastination: Why You Do It, What to Do About It Now.
Pychyl, T. A. (2013): Solving the Procrastination Puzzle.
Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (DGVT): Abgrenzung Coaching – Psychotherapie.



Kommentare